6 # Delta-Chat: POPTASTIC populär ●

Der Nachrichten-Austausch über Chat bzw. E-Mail wächst zunehmend unter dem Begriff des »Messaging« zusammen. Einige Programme wandeln heute auch E-Mail-Nachrichten zu Chat-Nachrichten, d.h. sie bieten komfortablen Chat mittels des POPTASTIC-Protokolls über die dezentralen E-Mail-Server auf Basis von IMAP oder POP3 an. Zudem kann der Chat verschlüsselt sein.
Delta-Chat ist ein solcher Messenger, der Chat über E-Mail-Server realisiert, und an die gute Praxis des POPTASTIC-Protokolls beim Spot-On und GoldBug Messenger anknüpft.
Der Delta-Messenger steht auch für weitere übliche Plattformen zur Verfügung. Da er auf Basis von E-Mail operiert, kann er sowohl als E-Mail-Programm für unverschlüsselte Nachrichten eingesetzt werden, als auch für verschlüsselten Chat, wenn das Gegenüber ebenso den Delta-Chat-Klienten benutzt.
POPTASTIC im Bereich des Klienten Delta-Chat hat damit große Potenziale, eine Alternative für populäre Messenger und Monopolisten wie WhatsApp zu bieten: Mit jeder Nutzerin und jedem Nutzer von Delta-Chat wird Cipher-Text in E-Mail-Postfächern gefördert und ein Text-Austausch sicherer gemacht.
Die Verschlüsselung tauscht über E-Mail mit der AutoCrypt genannten Funktion automatisch die öffentlichen Schlüssel zwischen zwei Nutzerinnen bzw. Nutzern. Leider hat Delta Chat nicht den vollen GPG-Standard angewandt, so dass bereits extern erzeugte GPG-Schlüssel (noch) nicht importiert werden können.
Die MOMEDO-Studie hat den Smoke-Chat-Messenger mit dem Delta-Chat-Messenger verglichen, im Wesentlichen auch hinsichtlich der Einbindung von eigenen und öffentlichen Servern. Smoke erfordert einen eigenen Chat-Server (SmokeStack) und bei Delta-Chat werden meistens öffentliche und kostenlose E-Mail-Anbieter wie Gmail, Outlook, Yahoo oder GMX und Web genutzt.
Da diese den Service oft kostenfrei anbieten, werden sie dieses sicherlich nicht mehr tun, wenn darüber Cipher-Text gesandt wird. Dann können die Nachrichten nicht mehr nach Stichworten für die Werbebranche durchsucht werden. Natürlich kann man auch auf einer eigenen Linux-Maschine oder sogar einem Raspberry-Pi-Computer einen E-Mail-Server für die eigene Gruppe, Klasse oder Familie einrichten und Delta-Chat mit diesem Server betreiben. Ein eigener Server wird in jedem Fall aber dann notwendig, wenn die kostenfreien Anbieter keinen Cipher-Text im Postfach mehr dulden wollen oder dürfen.
Die MOMEDO-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ein eigener Chat-Server mittels SmokeStack (inklusive Schlüsselmanagement) für Smoke ggf. einfacher zu installieren sei, als ein IMAP/SMTP-Server. Auch könne es eine Empfehlung für Delta-Chat sein, E-Mail-Postfächer hybride zu adressieren, z.B. ein Ozone-Postfach wie im SmokeStack zu IMAP zu ergänzen.
Eine weitere interessante Zukunftsperspektive stellt sich für Delta-Chat im Bereich des File-Sharings dar. Delta baut ja quasi ein Vertrauensnetzwerk (Web-of-Trust) zu befreundeten Nutzerinnen und Nutzern über E-Mail auf, sodass hier auch eine Suche nach bzw. ein Transfer von Dateien stattfinden kann.
Die weiter unten beschriebene Software RetroShare kann hier ein Beispiel geben: Damit kann auch das Laden einer Datei von Freundinnen und Freunden und deren Freundinnen und Freunden über mehrere Hops möglich sein (sog. Turtle-Hopping-Protokoll ). So könnte beispielsweise eine MP3-Musik-Datei über mehrere E-Mail-Postfächer weitergemailt werden. Die Implementierung im RetroShare-Klienten über die verschiedenen Hops der Einzelinstanzen ist jedoch ohne durchgängige Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.
Beim Datei-Transfer im Smoke Messenger – über das dortige Steam-Protokoll – ist der Dateitransfer heutigem Standard entsprechend durchgängig verschlüsselt und das auch über mehrere Hops. Steam ist dabei ein universales Protokoll, das nicht an bestimmte Klienten gebunden ist, es ist auch möglich, mit Steam an einen SHH-Klienten Cipher-Text bzw. den Cipher-Text einer verschlüsselten Datei zu senden, der dort am Port gesammelt und entschlüsselt wird.
File-Sharing (und damit auch Web-Browsing à la Tor) in Delta-Chat könnte sicherlich diesen Messenger recht populär machen. Auch damals bei den ersten Android-Smartphones von Samsung gab es eine App für den Download von Musik-MP3-Dateien. Diese wurden aus dem Sozialen Netzwerk V-Kontakte geladen. Es ist zu vermuten, dass seinerzeit Samsung und Android von Google den Markt mit dieser Methode mit einer Auftragsprogrammierung massiv beeinflusst haben und so groß geworden sind. Die Geräte mit dem kostenlosen Musik-Datei-Download verkauften sich wie geschnitten Brot.
Auch wäre Delta-Chat eine gute Ausgangsbasis für eine Applikation, die den Cipher-Text in steganographierten Bildern über E-Mail-Server sendet - statt Textnachrichten.
Aber auch ohne diese drei vorstellbaren Entwicklungsziele von Delta-Chat, der Implementierung von Ozone-Postfächern, von File-Sharing und Web-Browsing mittels der Protokolle Steam bzw. Turtle Hopping, oder des Versandes von steganographierten Bildern, sind Delta-Chat bzw. auch sein Derivat Spike-Chat bereits heute Messenger, die mit sechsstelligen Download-Zahlen an den üblichen Download-Stellen schon gut im Geschäft sind. Populäres POPTASTIC mit Potenzial also.



     Momedo aaO

     vgl. a. Gasakis/Schmidt aaO:67, zit. n. Delta-Chat, in: Nomenclatura 2019:130.

    Matejka aaO, Popescu aaO, Tanenbaum aaO, RetroShare aaO.

    Smoke aaO.


Quelle: Tenzer, Theo - Sonderausgabe mit einem Vorwort von "Aktion Freiheit statt Angst e.V.": Open-Source Verschlüsselung - Quell-offene Software zur Demokratisierung von Kryptographie, Schutz vor Überwachung, Norderstedt 2024, ISBN 9783757853150.

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