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30.08.2012 "Schwarze Sheriffs" als Hilfspolizisten

Sheriffs in Berlin

Dies ist Teil 2 unserer Recherche über private Hilfspolizisten. Teil 1 gibt es hier.

In diesem Bericht beschreibt ein Betroffener das Wirken von "Schwarzen Sheriffs" in Berlin, und deren Zusammenarbeit mit der Polizei:

An einem Sommerabend gegen Mitternacht war ich in meiner Nachbarschaft in Wedding auf dem Weg zu einem Spätkauf, der mich auch an einer Straßenbaustelle vorbei führte. Die Bauarbeiten waren beendet, nur die Schilder standen noch an der Straße.
Beim Weitergehen wurde ich mit Pfiffen und "Ey da - Stop!" gerufen, und beim Weitergehen schnell von fünf kräftigen jungen Männern umringt. Die Männer hatten an der Straßenecke gegenüber gestanden, vom Äußeren und der Sprache her überwiegend aus der Türkei oder Südeuropa abstammend.
Sie werfen mir vor, die Schilder verstellt zu haben, und geben sich als Sicherheitsdienst zu erkennen.  Der Anführer der Gruppe zeigt eine Art Ausweiskarte, die ein Sternsymbol, sein Portrait und den Schriftzug "Schwarze Sheriffs" trägt.

Er beruft sich auf das "Strafgesetzbuch" und nennt eine Paragraphen-Nummer, demnach er berechtigt sei, mich festzuhalten, bis die Polizei eingetroffen sei. Die ruft er nun an, erklärt in jovialem Ton "Hier ist der (x) von den schwarzen Sheriffs, wir haben hier einen erwischt, der Schilder verdreht hat, schickt mal jemanden vorbei."

Ich protestiere gegen die "Festnahme" und erkläre, dass ich ihrer Begründung nicht folge, und gehe langsam den Weg weiter. Darauf wird es laut, es kommen Drohrungen "Stop, sonst wirds mal rabiat hier!", der Anführer erteilt im aufgeregten Ton seinen Leuten Anweisungen, mich zum umstellen, und erklärt, er dürfe zum "Festhalten" auch Gewalt anwenden. Wenn ich nicht freiwillig stehen bliebe, würde er mir auch Handschellen anlegen.
Nach kurzem überlegen erkläre ich, das Vorgehen der Gruppe scheine mir nicht zulässig, und ich würde mich ihren Anweisungen nicht fügen. Darauf ergreift der Anführer meinen Arm, während seine Kollegen mich hautnah umringen, dreht meinen Arm nach hinten und klemmt eine Handschelle um das Handgelenk, das andere Ende hält er fest.

Es wird nun weiter auf die Polizei gewartet, während die Sheriffs versuchen, mich in Verhörgespräche zu verwickeln, wie man sie aus dem Fernsehen kennt - was ich hier abends mache, welchen Beruf ich habe, ob ich getrunken hätte usw. Ich gehe darauf nicht ein und frage sie, von wem sie beauftagt wurden, diese Gegend zu "bewachen". Ihre Arbeit sei rein ehrenamtlich, wird erklärt, ursprünglich ginge es darum, die "Kids hier aus dem Viertel davon abzuhalten, Mist zu bauen", das komme jetzt weniger vor, und es sei ja interessant, dass sie "auch einmal einen Deutschen erwischt" hätten.
Und diese ehrenamtliche Arbeit richte sich dann auf die Bewachung der Straße? Nein, es gehe um Raubüberfälle, die vor allem von Motorrad-Rockern zu befürchten seien. Man arbeite dabei mit der Polizei zusammen. - "Hast du ein Motorrad?" "Bist du auch einer von denen?"

Nach gut 15 Minuten kommt auch die Polizei, in einem Kleinlaster, aus dem sechs Beamte in "Riot gear" aussteigen, im Wagen bleibt noch jemand und organisiert die Kommunikation mit der Zentrale. Nach kurzem Gespräch mit dem Ober-Sheriff holt einer der Polizisten einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnet meine Handschellen, verbunden mit der Anweisung, mit sichtbaren Händen stehen zu bleiben, damit ich keine versteckten Waffen hervorholen könne. Auf meine Frage, wie die Handschellen und sein Schlüssel zusammenhängen, erklärt der Beamte: "Wir haben den Leuten diese Handschellen zur Verfügung gestellt, wir arbeiten mit denen zusammen; dazu gehören auch Schulungen."
Die Polizei lässt sich meinen Ausweis geben, und gibt nun an, von der Zentrale ermitteln lassen zu müssen, ob es sich bei dem Verdrehen eines Schildes um eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit handelt. Währenddessen werde ich von zwei Beamten in Kampfanzug rechts und links flankiert und jeder Versuch, zur Entspannung eine andere Körperhaltung einzunehmen, mit zornigen Zurechtweisungen beantwortet. Parallel wird wieder versucht, Vernehmungsgespräche einzuleiten, nach Alkohol, Drogen, ob ich einen Führerschein, ein Auto habe, was ich hier nachts mache.
Darauf gehe ich nicht, und frage die Beamten nach der Art ihrer Zusammenarbeit mit den "Sheriffs", die aber darauf nicht eingehen.
Es vergehen 15 Minuten, wonach der Einsatzleiter vor mich tritt und fragt, ob ich mich äußern wolle, und nachdem ich das verneine, wiederum ausholt, sinngemäß etwa er könne verstehen, wie man auf die Idee komme, das Schild zu verdrehen, denn die Baustelle sei bereits abgebaut. Darauf sage ich nichts. Es wird dann erklärt, ich würde noch Post bekommen wegen der Ordnungswidrigkeit (von einer Straftat ist nun keine Rede mehr).
Man erlaubt mir nun zu gehen, nach ein paar Metern drehe ich noch einmal um und Frage nach dem Namen des Einsatzleiters, der mir darauf eine Karte mit seiner Dienstnummer gibt. Er führte dann das Gespräch mit dem Ober-Sheriff, und lies sich auch dessen Ausweis zeigen.
Dieser wendet sich noch einmal an mich, ich könne gern seinen Namen haben, und nennt diesen auch. Seine Gruppe, erklärt er, sei eine "Nachfolgeorganisation der FPR", der freiwilligen Polizeireserve.
Später recherchiere ich dies - diese Organisation wurde von 1961 bis 1992 in Westberlin als Antwort auf die Ostberliner (quasi-militärischen) Polizei-Gruppierungen betrieben; es gab dafür ein spezielles Berliner Gesetz, die Mitglieder hatten Uniformen und Dienstverträge. Die FPR wurde aufgelöst, u.a. nachdem Presse-Berichte erschienen waren, dass sich unter ihren Mitgliedern ein gewisser Teil von ehemaligen schweren Straftätern bestand.

Am nächsten Tag gehe ich noch einmal zu der Straßenecke, um ein Foto von der Stelle zu machen - die Schilder sind nun nicht mehr dort. Ein Anwohner im Erdgeschoss erklärt, diese seien morgens gegen 8 Uhr abgeholt worden.
Am gleichen Tag mache ich einen Termin für den Folgetag bei einem Berliner Anwalt mit Spezialisierung auf Strafsachen, und beauftrage ihn, Strafanzeige wegen Nötigung und Freiheitsberaubung zu erstatten.

Nach zwei Wochen bekommt er Akteneinsicht - ein Strafverfahren wegen Nötigung wurde bereits eingeleitet, soll aber wiederum wegen "mangelnden öffentlichen Interesses" niedergeschlagen werden; gegen diese Entscheidung legt er Beschwerde ein.
Vier Wochen nach dem Vorfall bekomme ich per Zustellungsurkunde einen Bußgeldbescheid vom Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, für "grob ungehöriges" Verhalten.

Berlin, August 2012

Der Autor ist Aktion Freiheit-statt-Angst e.V. bekannt.

Teil 1 unserer Recherche über private Hilfspolizisten, weitere Kommentare und Informationen zu dem Vorgang: http://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/3078-20120817-schwarze-sheriffs-als-hilfspolizisten.htm

In Teil 3 berichten wir über die Position der Berliner Polizei zu diesem Thema: http://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/3270-20121118-schwarze-sheriffs-als-hilfspolizisten-teil3.htm

Wir finden das Thema spannend und wollen weiter diskutieren und darüber hier auch aus eigener Erfahrung berichten.

 To be continued

Wir freuen uns über Kommentare und eigene Berichte (Mail an kontakt@aktion-fsa.de).


Kategorie[27]: Polizei&Geheimdienste Short-Link dieser Seite: a-fsa.de/d/1UQ
Tags: Aktivitaet, Staat, Gewaltmonopol, schwarze sheriffs, Polizei, Hilfspolizei, Geheimdienste
Erstellt: 2012-09-03 11:48:24
Aufrufe: 1413

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