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01.05.2016 "So fühlt es sich an

I´m on the Kill list. This is what it feels like to be hunted by drones

Wir dokumentieren hier die Aussagen von Malik Jalal, der als Anführer des Friedenskomitees von Nordwasiristan (NWPC), einer Organisation örtlicher Maliks (Gemeindevorsteher), durch den Tod Vieler in seinem Umfeld erfahren musste, dass wohl er selbst das Ziel eines unmenschlichen Drohnenkrieges sein sollte.

Ganz besonders möchten wir auf den letzten Satz hinweisen, dass diese Drohnenmorde nur durch die Relaisstation in Ramstein möglich sind - also müssen wir von unseren Politiker die Schließung von Ramstein fordern!
... und Ihnen die geplante Anschaffung bewaffneter Drohnen für die Bundeswehr verbieten!

Die deutsche Übersetzung durch Dagmar Henn von seinem Bericht im Independent erschien bei The vineyard of the saker unter creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0.

Malik Jalal: I´m on the Kill list. This is what it feels like to be hunted by drones

Ich bin in der seltsamen Lage, zu wissen, dass ich auf der ‘Todesliste’ stehe. Ich weiß es, weil es mir gesagt wurde, und ich weiß es, weil ich wieder und wieder Ziel von Mordanschlägen war. Vier mal wurden Raketen auf mich abgefeuert. Ich habe außergewöhnliches Glück, noch am Leben zu sein.

Ich möchte nicht als „Insektenspritzer“ enden – das hässliche Wort, das benutzt wird, um die Überreste eines Menschen zu beschreiben, der von einer Hellfire-Rakete in die Luft gejagt wurde, die von einer Predator-Drohne abgefeuert wurde. Noch wichtiger, ich möchte nicht, dass meine Familie dem zum Opfer fällt, oder auch nur mit den Drohnenmaschinen über ihren Köpfen leben muss, im Wissen, dass sie jeden Augenblick vaporisiert werden können.

Ich bin diese Woche in England, weil ich beschlossen habe, dass, wenn die aus dem Westen mich töten wollen, ohne auch nur zuvor mit mir zu reden, ich vielleicht gehen sollte, um mit ihnen zu reden. Ich werde meine Geschichte erzählen, damit ihr selbst beurteilen könnt, ob ich die Art Mensch bin, die ihr ermordet sehen wollt.

Ich komme aus Wasiristan, an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan. Ich bin einer der Anführer des Friedenskomitees von Nordwasiristan (NWPC), einer Organisation örtlicher Maliks (oder Gemeindevorsteher), die sich der Aufrechterhaltung des Friedens in unserer Region widmet. Wir arbeiten mit Genehmigung der pakistanischen Regierung, und unsere Hauptaufgabe besteht darin, Gewalt zwischen den örtlichen Taliban und den Behörden zu verhindern.

Im Januar 2010 habe ich meinen Wagen meinem Neffen Salimullah geliehen, damit er ihn nach Deegan fährt, für einen Ölwechsel und um einen der Reifen zu kontrollieren. Es gingen Gerüchte um, dass Drohnen bestimmte Fahrzeuge anvisieren würden und bestimmte Telefonsignale verfolgten. Der Himmel war klar, und über uns kreisten Drohnen.

Während sich Salimullah mit dem Mechaniker unterhielt, fuhr ein zweites Fahrzeug neben meines. Vier Männer saßen darin, einfache Bergleute aus den Chromerzminen der Gegend. Eine Rakete zerstörte beide Fahrzeuge, tötete alle vier Männer und verletzte Salimullah schwer, der die nächsten 31 Tage im Krankenhaus verbrachte.

Als ich darüber nachdachte, dass die Drohnen die Fahrzeuge von Leuten anpeilen, die sie in Wasiristan töten wollen, machte ich mir Sorgen, dass das auf mich abzielte.

Der nächste Angriff kam am 3. September 2010. An diesem Tag fuhr ich einen roten Toyota Hilux Surf SUV zu einer ‘Jirga’, einer Gemeindeversammlung von Ältesten. 40 Meter hinter mir war ein anderes rotes Fahrzeug, das meinem beinahe glich. Als wir Khader Khel erreichten, jagte eine Rakete das andere Fahrzeug in die Luft und tötete alle vier Insassen. Ich raste davon, Flammen und Trümmer in meinem Rückspiegel.

Anfänglich dachte ich, dass das Fahrzeug hinter mir vielleicht von Militanten benutzt wurde, und ich nur zufällig in der Nähe war. Aber später erfuhr ich, dass die Opfer vier örtliche Arbeiter aus dem Mada Khel-Stamm waren, und keiner von ihnen Verbindungen zu militanten Gruppen hatte. Nun schien es wahrscheinlicher, dass ich das Ziel war.

Der dritte Drohnenangriff erfolgte am 6. Oktober 2010. Mein Freund Salim Khan lud mich zum Abendessen ein. Ich rief Salim an, um mein Eintreffen anzukündigen, und kurz ehe ich dort ankam, schlug eine Rakete ein und tötete sofort drei Menschen, darunter meinen Cousin Kaleem Ullah, einen verheirateten Mann mit Kindern, und einen geistig behinderten Mann. Abermals hatte keines der Opfer mit Extremismus zu tun.

Jetzt war ich mir sicher, dass sie hinter mir her waren.

Fünf Monate später, am 27. März 2011, richtete sich eine amerikanische Rakete auf eine Jirga, auf der örtliche Maliks – alles meine Freunde und Kollegen – daran arbeiteten, einen lokalen Streit zu lösen und Frieden zu bringen. An die 40 Zivilisten starben an diesem Tag, alle unschuldig, und einige davon ebenfalls Mitglieder des NWPC. Ich traf früh am Ort dieses Schreckens ein.

Wie andere sagte ich an diesem Tag einige Dinge, die ich bereue. Ich war zornig, und ich sagte, wir würden unsere Rache bekommen. Aber wie sollten wir das in Wahrheit jemals tun? Was uns wirklich frustrierte, war, dass wir – die Dorfältesten – jetzt machtlos sind, unsere Leute zu schützen.

Ich wurde gewarnt, dass die Amerikaner und ihre Verbündeten mich und andere aus dem Friedenskomitee auf ihrer Todesliste hätten. Ich kann meine Quellen nicht nennen, weil sie selbst zum Ziel würden, weil sie versuchen, mein Leben zu retten. Aber ich zweifle nicht mehr daran, dass ich einer der Gejagten bin.

Bald fing ich an, mein Fahrzeug fern von meinem Bestimmungsort zu parken, damit es nicht zum Ziel würde. Meine Freunde fingen an, meine Einladungen abzulehnen, aus Furcht, die Mahlzeit könnte von einer Rakete unterbrochen werden.

Ich gewöhnte mir an, unter den Bäumen zu schlafen, weit oberhalb meines Hauses, damit ich nicht zum Magneten des Todes für meine ganze Familie würde. Aber in einer Nacht folgte mir mein jüngster Sohn Hilal (damals sechs) hinauf in die Berge. Er sagte, dass auch er die Drohnenmaschinen nachts fürchte. Ich versuchte, ihn zu trösten. Ich sagte, die Drohnen zielen nicht auf Kinder, aber Hilal weigerte sich, mir zu glauben. Er sagte, die Raketen hätten schon oft Kinder getötet. Da wusste ich, dass ich sie nicht weiter so leben lassen konnte.

Ich weiß, die Amerikaner halten mich für einen Gegner ihrer Drohnenkriege. Sie haben recht; das bin ich. Menschen zur Ermordung auswählen und neun unserer unschuldigen Kinder für jede Person, die sie anzielen, zu töten, ist ein Verbrechen von unaussprechlichem Ausmaß. Ihre Politik ist so dumm, wie sie kriminell ist, weil sie genau die Menschen radikalisiert, die wir beruhigen wollen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass die Amerikaner und ihre Verbündeten denken, das Friedenskomitee sei eine Fassade, und dass wir nur einen sicheren Raum für die Taliban in Pakistan schaffen. Dazu sage ich: ihr irrt euch. Ihr wart nie in Wasiristan, woher wollt ihr das wissen?

Das Mantra, der Westen solle nicht mit „Terroristen“ verhandeln, ist naiv. Wenn Terroristen in die Gesellschaft wieder eingegliedert wurden, ist das noch kaum je ohne Verhandlungen geschehen. Erinnert euch an die IRA; sie haben einmal versucht, euren Premierminister in die Luft zu sprengen, und jetzt sitzen sie im Parlament. Es ist immer besser, zu reden als zu töten.

Ich bin um die halbe Welt gereist, weil ich diesen Disput so lösen will, wie ihr es lehrt: durch Gebrauch der Gesetze und des Gerichts, nicht durch Gewehre und Sprengstoffe.

Fragt mich alles, was ihr fragen wollt, aber beurteilt mich gerecht – und bitte hört auf, meine Frau und meine Kinder zu terrorisieren. Und nehmt mich von dieser Todesliste.

Nachbemerkung D.H.: Ich fand diesen Text spannend, weil er eine sehr gute Darstellung ist, was die Drohnenkriegsführung tatsächlich bedeutet. In der Originalveröffentlichung wird erwähnt, dass Malik Jalal in England von einer NGO vertreten wird, “Reprieve”. In den letzten Jahren misstrauisch geworden, was NGOs angeht, habe ich erst einmal recherchiert, was sie tun und wer sie finanziert. Reprieve ist eine Organisation, die sich gegen die Todesstrafe einsetzt, gegen Guantanamo wie auch gegen die Drohnenkriegsführung. Sie haben Mittel aus zweifelhaften Quellen erhalten (EU/Soros), aber diese Mittel sind nur ein Bruchteil der Finanzierung. Was bedeutet, es handelt sich um eine relativ ‘saubere’ Menschenrechtsorganisation.

Ich bin allerdings erschüttert darüber, dass ich eine solche Recherche für nötig halte. Der Begriff der Menschenrechte ist mittlerweile in einem Ausmass instrumentalisiert und missbraucht, dass für jene Organisationen, die noch wirklich das sind, was sie der Bezeichnung nach sein sollen, die Arbeit ziemlich mühsam sein dürfte. Auch das ist ein Anzeichen dafür, zu welcher Farce der Menschenrechtsdiskurs inzwischen verkommen ist.

Und, um es bei dieser Gelegenheit ins Gedächtnis zu rufen: die Steuerungszentrale für diese Drohnenmorde liegt nach wie vor in Deutschland, in Ramstein

Quellen: Die deutsche Übersetzung durch Dagmar Henn von seinem Bericht im Independent erschien bei The vineyard of the saker unter creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0.


Alle Artikel zu


Kommentar: RE. 20160501 "So fühlt es sich an, von Drohnen gejagt zu werden"

siehe: Drohnenkrieg – Die Weitergabe von Handydaten, Marius Pletsch 29. April 2016 IMI-Analyse 2016/13 http://www.imi-online.de/2016/04/29/drohnenkrieg-die-weitergabe-von-handydaten/

A.B., 08.05.2016 16:50


 


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Tags: Militaer, Bundeswehr, Aufruestung, Waffenexporte, Drohnen, Angst, Kollateralschaden, gezielte Toetungen, Frieden, Krieg, Friedenserziehung, Menschenrechte, Zivilklauseln, Unschuldsvermutung, Verhaltensaenderung
Erstellt: 2016-05-01 07:30:01
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